Patienteninformation zur Neurokardiogenen Synkope und zum Kipptisch-Test
Was versteht man unter dem Begriff „Synkope“?
Der Begriff „Synkope“ stammt aus dem Altgriechischen (synkópein = zusammenschlagen). In der Medizin versteht man unter einer Synkope den plötzlichen und vorübergehenden Verlust des Bewusstseins, verbunden mit einem Verlust des Muskeltonus; der Patient stürzt somit hin. Für Synkopen gibt es eine Reihe von Ursachen, harmlose wie auch lebensbedrohliche. Aus diesem Grunde sollte eine Klärung der Ursache erfolgen.
Neurokardiogene Synkopen
Neurokardiogene (vasovagale) Synkopen zählen zu den häufigsten Synkopenmechanismen überhaupt. Sie treten in typischer Weise nach längerem Stehen oder Sitzen auf oder auch beim Aufenthalt in warmen, überfüllten Räumen. Alkoholgenuss oder fieberhafte Erkrankungen können begünstigend wirken. Eine Sondergruppe der neurokardiogenen Synkopen sind die sogenannten Eventsynkopen (Ereignissynkopen), die typischerweise nach einem akuten Schmerz- oder Schreckereignis wie zum Beispiel Blutentnahme auftreten.
Was passiert bei neurokardiogenen Synkopen?
Durch die aufrechte Position kommt es zu einer verstärkten Ansammlung von Blut in den Venen der Beine und zu einem verringerten Rückfluss zum Herzen mit nachfolgender Abnahme des Herzminutenvolumens. Es folgt über das zentrale Nervensystem (Sympathikus) eine Ausschüttung von Stresshormonen mit dem Ziel der Aufrechterhaltung von Blutdruck und Herzminutenvolumen. Stresshormone führen zu einem beschleunigten Puls, zu einem Hitzegefühl, zu einer verstärkten Pumparbeit des Herzens. Über das zentrale Nervensystem wird in Folge eine überschießende Gegenreaktion über den Vagus ausgelöst, um eine zu starke Pumparbeit des Herzens zu vermeiden. Dies führt entweder zu einer Abnahme der Pulsfrequenz oder zu einer Erweiterung der Blutgefäße oder zu beiden Reaktionen. Die Folge ist ein Blutdruckabfall mit Minderversorgung des zentralen Nervensystems und nachfolgender Bewusstlosigkeit. Dabei können auch für wenige Sekunden kurzfristige Krampfanfälle als Ausdruck der kurzfristigen Sauerstoffnot des Gehirns auftreten. Das Bewusstsein wird dann meist innerhalb von ein bis zwei Minuten wiedererlangt, da in liegender Position schnell eine ausreichende Versorgung des Gehirns mit Blut und Sauerstoff erfolgt. Die Patienten fühlen sich typischerweise nach einer solchen neurokardiogenen Synkope sehr müde, sind jedoch normal ansprechbar.
Sind neurokardiogene Synkopen gefährlich?
Im Prinzip wird durch das Hinstürzen bei den neurokardiogenen Synkopen die Selbstheilung wieder eingeleitet, weil der Blutfluss im Gehirn wieder normalisiert wird. Aufgrund unkontrollierter Stürze, aber auch wegen der Möglichkeit von Verkehrsunfällen durch Bewusstlosigkeit am Steuer können neurokardiogene Synkopen sowohl mit schwerwiegenden Verletzungen bis hin zu schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen als auch mit einer Fremdgefährdung anderer Verkehrsteilnehmer einhergehen.
Welche diagnostischen Möglichkeiten gibt es?
Eine sorgfältige Anamnese, unter welchen Umständen die Synkope aufgetreten ist, ist von allergrößter Bedeutung. Ein EKG ist obligat, um seltene Formen von Rhythmuserkrankungen zu erfassen (zum Beispiel QT-Syndrome), ansonsten ist eine Auskultation des Herzens notwendig.
Zur näheren Diagnostik der neurokardiogenen Synkope steht der Kipptisch-Test zur Verfügung. Mittels dieses Tests kann gegebenenfalls unter Gabe von Stresshormonen der Synkopenmechanismus geklärt werden.
Die Durchführung aufwendiger, zum Teil mit Strahlenbelastung einhergehender Methoden wie Computertomografie oder Kernspintomografie des Gehirns sind in aller Regel nicht geeignet, eine neurokardiogene Synkope weiter abzuklären.
Was versteht man unter einem Kipptisch-Test?
Der Patient wird auf einer speziellen Untersuchungsliege gelagert, welche motorbetrieben einen Wechsel zwischen liegender Position und 70-Grad-Steilstellung erlaubt. Der Patient wird zusätzlich in Brusthöhe fixiert, um im Fall einer Synkope einen Sturz nach vorn zu vermeiden. Nach fünf Minuten in liegender Position erfolgt das Aufrichten in 70-Grad-Steilstellung während einer Dauer bis zu 45 Minuten. Kontinuierlich werden Blutdruck und EKG abgeleitet.
Im Falle einer Synkope oder beim Auftreten von Symptomen wie sehr langsamem Herzschlag oder Blutdruckabfall, die eine nahende Synkope anzeigen, wird die Untersuchung beendet. Der Patient wird wieder in liegende Position gebracht und erlangt im Falle einer Synkope sehr schnell wieder das Bewusstsein. Hierbei können das Blutdruckverhalten und das EKG dokumentiert werden.
Bei zunächst negativem Testausgang kann der Kipptisch in gleicher Sitzung durch Infusion von Stresshormonen modifiziert werden, um die Synkope zu provozieren. Neben der sorgfältigen Anamnese und der klinischen Untersuchung ist der Kipptisch die beste Methode, um neurokardiogene Synkopen zu diagnostizieren. Es handelt sich hierbei um einen sehr sicheren Test. Bei weit mehr als 1.600 Untersuchungen, die wir seit 1983 durchgeführt haben, sind keinerlei Komplikationen aufgetreten, die mit bleibenden Schäden bei dem Patienten einhergegangen wären.
Wie können neurokardiogene Synkopen vermieden werden?
Typische Situationen vermeiden oder entschärfen
Vermeiden Sie typische Situationen, die Synkopen auslösen können, wie langes Stehen und Sitzen. Meiden Sie warme, überfüllte Räume. Alkoholgenuss oder fieberhafte Erkrankungen können begünstigend wirken. Achten Sie vor allen Dingen bei warmem Wetter auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Kleinere medizinische Eingriffe wie zum Beispiel Blutentnahmen sollten bei entsprechender Neigung zu neurokardiogenen Synkopen nur im Liegen erfolgen. Bei längerem Stehen vermeiden Sie ruhiges Stehen (zum Beispiel durch häufigeres Wechseln des Standbeines). Aktivieren Sie bewusst immer wieder die Muskulatur von Beinen und Sitzbereich.
Manche Patienten merken durch typische Zeichen wie Hitzegefühl oder Unwohlsein vom Bauch nach oben aufsteigend die ersten Symptome einer drohenden Synkope. In diesem Falle sollten Sie bewusst aktiv die gesamte Körpermuskulatur ruckartig anspannen, um den venösen Rückstrom zum Herzen hin zu fördern, sich gegebenenfalls hinsetzen oder, falls möglich, besser hinlegen und die Beine hochlagern. Einige Patienten entwickeln ihre Synkopen zum Beispiel beim Wasserlassen (Miktionssynkopen); das Wasserlassen sollte bei Männern in diesem Falle im Sitzen erfolgen respektive von willkürlicher Muskelaktivität im Bereich der Beine und im Pobereich gefolgt sein.
Insbesondere bei einer Neigung zu tiefem Blutdruck ist eine salzarme Kost ungünstig, da dadurch der Blutdruck weiter gesenkt werden kann. Auch bei Langstreckenflügen können neurokardiogene Synkopen auftreten. Bei entsprechender Neigung sollte man auf jeden Fall ausreichend trinken, da durch die trockene Luft der Flüssigkeitsbedarf erhöht wird. Man sollte öfters die Füße und Beinmuskulatur bewegen, Alkohol und Kaffee, welche zu einer Gefäßerweiterung und zur Ausscheidung von Flüssigkeit führen, meiden.
In einigen Fällen können Ausdauersportler (zum Beispiel Marathontraining) durch ein Training des Vagusreizes die Neigung zu neurokardiogenen Synkopen herausbilden oder verstärken. In diesen Fällen muss eine differenzierte Sportberatung erfolgen, gegebenenfalls auf eine andere Sportart (zum Beispiel Ballspiele) gewechselt werden. Durch die oben genannten Maßnahmen lässt sich bei der Mehrzahl der Patienten das Auftreten einer Synkope vermeiden.
Warm-kalt-Duschen
Wechselwarmes Duschen (eine halbe Minute warm, wenige Sekunden kalt) ist als wirksames Gefäßtraining anzusehen und kann, wenn regelmäßig angewendet, neurokardiogene Synkopen möglicherweise vermeiden helfen.
Stehtraining
Ein typisches Stehtraining, nahezu täglich durchgeführt über etwa 15 bis 30 Minuten (zum Beispiel während des Fernsehschauens), locker an die Wand angelehnt und in der unmittelbaren Umgebung keine Objekte, die bei einem Sturz gefährlich werden könnten, kann ebenfalls das Auftreten von neurokardiogenen Synkopen verhindern, solange dieses Stehtraining relativ regelmäßig durchgeführt wird.
Welche medikamentösen Therapiemöglichkeiten gibt es?
Neben den oben genannten Verhaltensmaßnahmen gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, die erfolgreich in der Therapie dieser Synkopen eingesetzt werden können. Der überwiegenden Anzahl von Patienten kann medikamentös geholfen werden. Im Einzelfall kann jedoch nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden, auf welches Medikament der Patient anspricht. Die genaue Analyse des Kreislaufverhaltens während des Kipptisch-Tests kann jedoch häufig sehr wichtige Informationen für die notwendige medikamentöse Therapie aufzeigen.
Die wichtigsten Medikamentengruppen, die gegeben werden können, sind Dihydroergotamin, Rezeptoren-Blocker und Fludrokortison. Die Dauer der Therapiegabe kann im Einzelfall nicht vorhergesagt werden. Bei einem großen Teil der überwiegend jüngeren Patienten verliert sich die Neigung zu neurokardiogenen Synkopen im Laufe einiger oder mehrerer Jahre. Bedacht werden muss auch, dass einige dieser Medikamente bei Kinderwunsch und Schwangerschaft kontraindiziert sind.
Häufig wird bei neurokardiogenen Synkopen Etilefrin (Effortil®) gegeben, dieses Medikament ist erfahrungsgemäß nicht wirksam. Obwohl während der neurokardiogenen Synkopen bei einem Teil der Patienten kurzfristige Herzstillstände bis wenige Sekunden dokumentiert werden können, ist eine Herzschrittmachertherapie in aller Regel nicht indiziert. Sollte es nach einer medikamentösen Einstellung wider Erwarten wiederum zu einer Synkope gekommen sein, so bitten wir um Rücksprache bezüglich einer möglichen Therapieumstellung.
Literatur
- Hust MH, Heck KF, Keim MW (1999): Kipptisch-Test zur Diagnostik vasovagaler Synkopen. Deutsches Ärzteblatt 96: A-1488-1492.
- Hust MH, Dickhuth H-E (2007): Synkopen und Sport. In: Kindermann W, Dickhuth HH, Niess A, Röcker K, Urhausen A (eds.): Sportkardiologie. Steinkopff, Darmstadt, pp 257-271.
- Hust MH, Just H, Löllgen H, Wehrle HJ, Nitsche K, Bonzel T, Dickhuth HH, Wollschläger H (1983): Arrhyhthmias in patients with congestive and hypertrophic cardiomyopathy during Holter monitoring and interventions. In: Just H, Schuster HP (eds): Myocarditis, cardiomyopathy. Springer, Berlin, pp 255-261.
- Hust MH, Keim MW, Momper R, Dickhuth HH (1998): Syncope in young persons and athletes. Inter J Sports Med 19: 4-5.
Anmeldung zur Durchführung einer Kipptisch-Untersuchung
Dr. M. H. Hust
Ärztlicher Leiter Nicht-invasive / präventive Kardiologie
Telefon
Herr Allgaier: 07121 / 200-31 72
Herr Dr. Hust: 07121 / 200-34 51 oder 200-20 00 (Piepser)
