
Chirurgie bei Prostatakrebs
Behandlungsmöglichkeiten
Nach Vorliegen der Befunde der Diagnostik und Einschätzung Ihres Risikoprofils ergeben sich verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. Welche davon für Sie in ihrem speziellen Erkrankungsfall in Frage kommen oder sinnvoll sind, wird mit Ihnen bei der Vorstellung in unserem Zentrum besprochen. Wichtig für alle weiteren Erläuterungen ist zu unterscheiden, ob die Krebserkrankung noch auf die Prostata begrenzt ist oder diese eventuell schon fortgeschrittener ist.
Bei einem früh erkannten und auf die Prostata begrenzten Karzinom ist die Operation eine sehr wirksame Therapie. Dabei wird das tumorbefallene Organ entfernt. Man bezeichnet diese Operation als „radikale Prostatektomie“. Durch die operative Entfernung der Prostata mit den anhängenden Samenblasen soll der Tumor radikal entfernt und ein Wiederauftreten des Tumors beziehungsweise die Entwicklung von Fernmetastasen verhindert werden. Es existieren verschiedene operative Behandlungstechniken, die wir Ihnen im Folgenden kurz vorstellen möchten.
Unterschied der beiden Operationstechniken
Um die Operation besser verstehen zu können, müssen Sie wissen, dass die Prostata im kleinen Becken zwischen Harnblase, Enddarm und den Beckenknochen sowie Schambein eingeklemmt liegt. In unserem Zentrum erfolgt die operative Entfernung der Prostata mit zwei Methoden: minimal-invasiv laparoskopisch oder offen-chirurgisch.
Bei beiden Operationstechniken verfolgen wir drei Ziele:
- vollständige Entfernung des Tumors
- Erhaltung der Kontinenz
- Erhaltung der Potenz
Die ersten beiden Ziele versuchen wir immer zu erreichen. Die Erhaltung der Potenz macht nur dann Sinn, wenn Sie vor der Operation potent sind. Das heißt, wenn Ihre Erektion noch kräftig genug ist, um in die Scheide Ihrer Partnerin einzudringen. Dies ist bei vielen Männern ab 60 nicht mehr der Fall.
Beim Potenzerhalt werden die dicht an der Prostata entlang laufenden Potenznerven geschont. Hat der Prostatakrebs jedoch schon die Kapsel der Prostata durchbrochen, ist ein Nerverhalt nicht mehr möglich. Im Folgenden sollen beide Verfahren kurz vorgestellt werden.
Die laparoskopische radikale Prostatektomie
Bei diesem minimal-invasivem Verfahren wird die Vorsteherdrüse nicht durch einen einzigen, großen Unterbauchschnitt, sondern durch mehrere kleine Inzisionen im Unterbauch mit sogenannten laparoskopischen Instrumenten entfernt. Der Raum oberhalb der Prostata wird dann mittels Einfuhr eines sogenannten Ballontrokars aufgebläht und anschließend mit Gas gefüllt um eine bessere Übersicht beim Operieren zu haben.
Je nach Tumorstadium, werden zunächst die Lymphknoten von der seitlichen Beckenwand entfernt. Die Entfernung der Prostata erfolgt analog dem offenen Operieren, wobei zunächst die Prostata von der Blase abgesetzt wird. Danach erfolgt die vorsichtige Mobilisierung der Prostata vom Rektum und danach die Abtrennung von der Harnröhre. Zum Schluss wird die Blase mit der Harnröhre vereinigt – die sogenannte Anastomose. Je nach Stadium und Risikogruppe Ihrer Erkrankung sowie ihren Grundvorraussetzungen und Wünschen ist es möglich und wünschenswert, die Operation nerverhaltend durchzuführen. Hierdurch werden bei 30 bis 70% der Patienten die Erektionen erhalten, so dass der Geschlechtsverkehr auch nach der Radikaloperation möglich ist.
Die laparoskopische radikale Prostatektomie ist in unserer Klinik das Standardverfahren für Patienten mit Prostatakarzinom. Sie bietet den Vorteil eines geringeren Blutverlustes und einer schnelleren Erholung der Patienten nach der Operation.
Je nach ihren Vorstellungen, den Vorstellungen ihres einweisenden Urologen oder ihrem Tumor bieten wir aber auch die offene, retropubische Prostatektomie an.
Die offene, retropubische, radikale Prostektomie
Bei dieser Technik wird die Prostata durch einen Unterbauchmittelschnitt, unterhalb des Nabels entfernt. Zunächst werden, je nach Tumorstadium, die Lymphknoten von der seitlichen Beckenwand entfernt. Danach erfolgt die Umstechung der vom Penis zur Prostata ziehenden Venen und anschließend die Durchtrennung der Harnröhre. Die Prostata wird einschließlich der Samenblasen komplett vom Rektum abgelöst. Dann erfolgt das Absetzen der Prostata von der Harnblase. Zum Schluss wird dann die Blase wieder mit der Harnröhre vereinigt. Um ein genaues Arbeiten zu ermöglichen, verwenden wir bei der Operation eine Lupenbrille und eine Halogenstirnlampe.
Mögliche Komplikationen und Folgen der Operation
Der Vorteil der radikalen Prostatektomie besteht in der vollständigen Heilung der Prostatakrebserkrankung durch die Operation und Entfernung des tumortragenden Organs. Dadurch bleiben dem Patienten die Probleme wie Blutung oder Harnsperre bei einem eventuellen Fortschreiten oder Wiederauftreten der Erkrankung unter anderen Therapien erspart. Die Operation birgt aber auch wie alle Therapieverfahren Risiken und Operationsfolgen.
Risiken minimieren
Neben den allgemeinen Risiken einer Operation wie Blutungen, Infektionen oder Wundheilungsstörungen, welche sehr selten auftreten, werden insbesondere der Urinverlust sowie die Impotenz als belastend von den Patienten empfunden. Durch die modernen Operationstechniken können diese Folgen minimiert werden.
Impotenz und Erektionsstörungen
Insbesondere bei entsprechenden niedrigen Tumorstadien kann ein Erhalt der Potenznervenfasern erfolgen, so dass eine Impotenz vermieden werden kann.
Zusätzlich besteht die Möglichkeit, durch den frühzeitigen Einsatz moderner Medikamente (Stichwort: PDE5-Hemmer) eintretende Erektionsstörungen wirksam zu behandeln. Sollte sich nach entsprechender Erholungszeit die Erektionsfähigkeit nicht wieder einstellen, so kann durch Hilfsmittel (Vakkumpumpe) oder die Implantation einer Penisprothese eine zufriedenstellende Erektion erreicht werden.
Urin halten
Unmittelbar nach der Operation sind viele Patienten zuerst nicht „trocken“, d.h. sie verlieren unkontrolliert oder bei Belastung (Husten, Heben, Lachen) Urin. Die meisten Patienten sind jedoch nach wenigen Wochen oder Monaten wieder in der Lage ihren Urin zu halten und überbrücken diese Zeit mit der Verwendung von Vorlagen. Durch ein gezieltes Beckenbodentraining und Elektrostimulation kann dieser Prozess beschleunigt werden. Dabei hilft auch die moderne Rehabilitation.
Sollte es wider Erwarten keine Besserung der Blasenfunktion geben und sie weiterhin Urin verlieren, so besteht die Möglichkeit, durch Implantation eines sogenannten „Bandes“ unter die Harnröhre eine Verbesserung zu erreichen oder einen künstlichen Schließmuskel zu implantieren. Hierzu wird Sie dann der Sie weiterbehandelnde Urologe in unserer Klinik vorstellen, wo wir beide Verfahren anbieten.
Lymphstau im kleinen Becken
Sollten im Rahmen der Operation die lokalen Lymphknoten entfernt werden, besteht das Risiko, dass es zu einem Lymphstau im kleinen Becken (Lymphzyste/ Lymphocele) oder in den Beinen kommen. Unter Umständen muss hier eine Drainage der Lymphansammlung erfolgen.
In seltenen Fällen kann es als späte Folge der Operation zum Auftreten einer Engestelle im Bereich der neuen Harnblasen-Harnröhreverbindung kommen – der sogenannten „Anastomosenenge“. Dabei kann nur noch erschwert Wasser gelassen werden und der Kraftaufwand beim Wasserlassen steigt. Durch einen kleinen Eingriff (Bougierung, Schlitzung) kann diese wieder geweitet werden.
Ablauf der Operation
Die Chance auf Heilung wird wesentlich von der Qualität der Operation beeinflusst. Die Operation erfolgt ausschließlich durch erfahrene, speziell geschulte Operateure (Fachärzte für Urologie) mit hoher Expertise. Sie wird entsprechend den Leitlinien der Fachgesellschaften durchgeführt. Ob bei der Operation die Lymphknoten entfernt werden oder die für die Blasen- und Sexualfunktion erforderlichen Nerven geschont werden können, ist abhängig vom Tumorstadium.
Bei geeigneten Patienten kommt dabei die "Schlüssellochchirurgie", d.h. die laparoskopische radikale Prostatektomie zur Anwendung (siehe Minimal-invasive Chirurgie).
Zur Themenübersicht: Das Prostatakarzinomzentrum von A bis Z
