Reutlingen | 05.05.2022 – Fast 60 Prozent der Deutschen leiden unter einer neurologischen Erkrankung. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in einer Studie aus dem Jahr 2020. Neben Kopfschmerzen, Alzheimer und anderen Demenzformen gehören auch Epilepsie, Multiple Sklerose und Schlaganfälle zu den am häufigsten auftretenden neurologischen Krankheitsbildern. Die Symptome, aber auch die Erfolgschancen bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung sind dabei sehr unterschiedlich.
Die Kreiskliniken Reutlingen bündeln seit einigen Jahren die Expertise in diesem Bereich und haben bereits 2013 mit der Klinik für Neurologie und Frührehabilitation unter der Leitung von Chefarzt Dr. Frank Andres, und der ebenfalls seit vielen Jahren bestehenden Klinik für Neurochirurgie um Chefarzt Privatdozent Dr. Marco Skardelly, die Grundlage für eine ganzheitliche Behandlung und Therapie neurologischer und neurochirurgischer Patienten gelegt. Nun nimmt das Neurozentrum am Reutlinger Steinenberg weiter Formen an, denn seit April ist mit Dr. Meike Dukiewicz auch eine Fachärztin für Radiologie mit der Schwerpunktbezeichnung Neuroradiologie Teil des interdisziplinären Teams. „Alle wichtigen diagnostischen und therapeutischen Schritte können nun vollumfänglich im Haus gemacht werden. Von der Diagnose bis zur Frührehabilitation kann der Patient in den Kreiskliniken verbleiben", so Chefarzt Dr. Frank Andres. „Gerade in der Diagnostik schwerwiegender Erkrankungen, wie etwa bei vaskulären Erkrankungen und Hirntumoren, haben wir dank der neuen Kollegin nun erweiterte Möglichkeiten, was letztendlich auch die Prognose für den Patienten weiter verbessert", ergänzt PD Dr. Marco Skardelly.
Was interdisziplinäre Zusammenarbeit in diesem Zusammenhang bedeutet, lässt sich am besten anhand eines typischen Falles veranschaulichen. Kommt ein Patient mit dem Rettungsdienst mit Verdacht auf Schlaganfall in den Schockraum des Klinikums, wird zunächst mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) ein erstes Bild des Kopfes angefertigt. Es könnte sich entweder um einen Schlaganfall mit Gefäßverschluss, um einen sogenannten blutigen Schlaganfall, d.h. eine Hirnblutung, oder aber um eine Blutung aus einer Gefäßaussackung (Aneurysma) handeln. Wird aufgrund des CT- oder MRT-Befundes dann eine erste Diagnose gestellt, legen Neurologe, Neurochirurg und Neuroradiologe gemeinsam die weiteren Behandlungsschritte für den Patienten fest. Die Experten der Kreiskliniken Reutlingen bieten grundsätzlich das gesamte Behandlungsspektrum: von der konservativen Therapie unter Federführung der Neurologie, über die interventionelle Therapie, bei der z.B. die Verstopfung einer großen Hirnarterie von der Expertin für Neuroradiologie von innen durch das Gefäß versorgt wird, bis hin zu operativen Eingriffen, bei denen vom Team der Neurochirurgie operativ über eine Eröffnung der Schädeldecke die Ursache behandelt wird.
Breites Spektrum der Neurologie
Die Neurologische Klinik unter Leitung von Chefarzt Dr. Frank Andres bietet ein breites Behandlungsspektrum bei neurologischen Symptomen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Schwindel, Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen und Kopfschmerzen. Diagnostiziert werden Krankheitsbilder wie z.B. Multiple Sklerose, Schlaganfall, Parkinson, Epilepsie und Nervenläsionen. Neben einer Abteilung mit neurologischen Akutbetten und der Stroke-Unit für die Versorgung akuter Schlaganfälle, gehört auch die Frührehabilitiation der Phase B zum Leistungsspektrum der Klinik für Neurologie in den Kreiskliniken Reutlingen. Hier werden Patienten nach schweren Schlaganfällen, Hirnblutungen, Schädel-Hirn-Traumen, Sauerstoffmangel bei Herzstillstand und anderen komplexen Krankheiten mit neurologischen Folgen, etwa auch nach einer schweren Covid-Infektion, versorgt. „Unsere ersten Ziele sind die Kontaktaufnahme im Sinne eines ‚Bewusst ins Leben zurückholen', die Ermöglichung von Kommunikation und die Kooperationsfähigkeit. Mit individuellen Schwerpunkten wollen wir unseren Patienten eine Umgebung bieten, die sie schützt und ihre Heilung befördert", erklärt Dr. Frank Andres. Ein besonderer klinischer und neurorehabilitativer Schwerpunkt wird auf die Behandlung von beatmeten Patienten und der Entwöhnung derselben vom Beatmungsgerät gelegt.
Vom Bandscheibenvorfall bis zum Hirntumor
Die Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie unter der Leitung von Chefarzt PD Dr. Marco Skardelly gewährleistet gemeinsam mit den klinikinternen Kooperationspartnern der Radiologie sowie der Klinik für Neurologie die neurochirurgische Versorgung für den Landkreis Reutlingen auf höchstem medizinischen Standard. Neben komplexen Krankheitsbildern, wie die Behandlung von Hirntumoren, Schädelbasistumoren oder Aneurysmen, behandelt das Team Patienten mit Bandscheibenvorfall, einem verengten Spinalkanal, durch den das Rückenmark verläuft, oder Instabilitäten infolge von z.B. Wirbelkörperfrakturen. Einen ganz besonderen Eingriff führten Skardelly und sein Team Ende 2020 durch, als einer Patientin im wachen Zustand ein Hirntumor in der Nähe des Sprachzentrums erfolgreich entfernt wurde.
